Ich bin gut genug – warum glaube ich es dann nicht?
Nummer 16
Ich hatte diese Woche eine interessante Erkenntnis. Es geht um meinen Wert, um mein Gefühl „Ich bin gut genug“ – aber eigentlich eher um meinen Glaubenssatz dahinter.
Ich habe grundsätzlich immer das Gefühl, dass ich es nicht bin.
Ich weiss nicht genug, ich kann nicht genug, ich kann nicht gut genug reden, kochen, tanzen etc. Ich glaube, ihr versteht, was ich meine.
In meiner Kindheit war das vor allem in der Schulzeit mein ständiger Begleiter. Dieser eine Gedanke, der sich irgendwie auf diverse Situationen anpassen lässt.
Ich habe also in meinem Hirn, in meinem ganzen Sein abgespeichert: Egal was ich neu lerne, ich kann es nicht oder nicht so gut wie andere, weil ich eh nicht gut genug bin.
Ich habe das Feedback von Lehrern abgespeichert, Mitschüler, die besser waren als ich, habe ich mir gemerkt und zack – so ist und verhält man sich also, wenn man „gut genug“ ist.
Hier ein Beispiel:
Ich war in der zweiten Klasse. Ja, ich war ein sehr verträumtes Kind, schnell abgelenkt und konnte mich nicht wirklich für Mathe, Grammatik oder eigentlich alles interessieren, sobald es hiess, ich muss still sitzen (Horror).
Heute weiss ich, dass vieles davon an meinem ADHS lag. Ich war nicht einfach dumm, faul oder schlecht in der Schule. Mein Gehirn funktionierte anders und ich hätte wahrscheinlich einfach andere Bedingungen und mehr Unterstützung gebraucht. Das wusste damals aber natürlich niemand und ich selbst schon gar nicht.
Also ja, ich hasste Mathematik und verstand es einfach nicht.
Wir hatten da diese neue, junge Lehrerin. Wir waren ihre erste Klasse nach ihrem Abschluss. Sie war nett, aber ein ADHS-Kind + eine unerfahrene Lehrerin, die nicht damit umgehen konnte, waren vielleicht einfach keine besonders gute Kombi.
Ich war nie besonders gut darin, also in Mathe.
Dann hatten wir einen Mathe-Test. Ich sass da und schaute dieses Blatt an und dachte mir:
„Was zum Vogel mache ich hier und wie soll ich das überhaupt lösen?“
Wie man so in der 2. Klasse ist, ging ich zu meiner Lehrerin ans Pult und fragte sie, ob sie mir helfen kann, weil ich es nicht verstehe.
Ich frage mich heute noch immer, wie sie denken konnte, solch eine Antwort zu geben wäre schlau.
Sie sagte zu mir: „Ja Nessa, weisst du, wenn du nicht sicher bist, kannst du auch raten.“
Tja, gesagt, getan.
Ich habe alles nicht verstanden und überall geraten.
Das Nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass meine Mutter mit der Schulleitung am Telefon war und sich anhören musste, ich sei schlecht in der Schule und hinke hinterher… na toll.
Was zur Folge hatte, dass ich also die 2. Klasse deswegen wiederholen musste.
Alle, die dies ebenfalls schon erlebt haben, wissen…. das ist einfach nur scheisse.
Ich verlor meine Schulfreunde, meinen Glauben an mich selbst und fühlte mich einfach nur „nicht gut genug“. Dazu wurde ich dann auch noch ausgeschlossen, da ich halt nicht mehr dazugehörte – tadaaa, so schnell wird man zum Mobbingopfer, danke liebe Schulorganisation.
Jetzt zurück zu heute:
Ich tue leider vieles noch mit dem Gedanken, eh nicht gut genug zu sein. Daher glaube ich auch nicht genug an mich…. obwohl ich rückblickend immer und immer wieder jede weitere Weiterbildung, Schule und Prüfung bestanden habe.
Ich habe gelernt, Wissen angewendet und Dinge geschafft. Aber immer noch war da dieses Gefühl: Es ist nicht genug und ich bin es auch nicht – egal wie viel ich mache, lerne oder weiss.
Und die letzten 9 Monate war ich wieder an einer Weiterbildung mit einem Diplom, zum ersten Mal mit einem Thema, das mich wirklich interessiert.
Ich habe mein Bestes gegeben, ich war immer in der Schule, nie krank, machte alle Hausaufgaben, lernte für Prüfungen…. ich wusste viele Sachen im Unterricht und noch immer war dieses doofe Gefühl da.
Es kam die erste Prüfung, praktisch.
Ich hatte Panik, ich kann das nicht schaffen, weil… ah ja, ich bin nicht gut genug.
Also versuchte und machte ich noch mehr.
Ich bekam meine erste Rückmeldung: Ich habe bestanden mit einer Top Note. Soweit so gut, ich war stolz auf mich.
Dann die 2. Prüfung, mündlich. Auch hier dasselbe Thema (obwohl ich ja bereits eine geschafft habe). Auch hier ein super Feedback und eine Top Note.
Ich war ebenfalls stolz, aber der gewisse Zweifel war immer da…
Dann kamen die grossen, bösen 2 schriftlichen Prüfungen…
Gott, ich war so überfordert und kippte wieder in das Muster: Ich weiss nicht genug, ich muss noch mehr lernen, hier und da und blablablaaa…
Zwei Wochen habe ich voll durchgebüffelt (so kannte ich mich gar nicht LOL).
Der Tag kam und ich fühlte mich gut vorbereitet. Die Prüfungen waren vorbei und ich hatte das erste Mal ein gutes Gefühl und war optimistisch – auch ein neues Gefühl.
Nach ein paar Tagen kamen endlich die Resultate…….
Ich war so nervös und dachte, ich traue meinen Augen nicht: Beide Prüfungen bestanden mit einer 5.75 und zwar alle beide.
Ich konnte es nicht glauben.
Ich habe meine Weiterbildung mit Bravour bestanden, ich habe es geschafft!!!!
Ich war unendlich happy und stolz auf mich!
Aber wisst ihr was?
Leider kam auch hier das Gefühl immer mehr hoch:
„Bin ich gut genug? Oder habe ich das jetzt alles nur auswendig gelernt? Weiss ich wirklich genug?“
I mean, echt jetzt??
Nach all den Jahren hatte ich bereits so viele Erfolgserlebnisse und versuche mir immer wieder zu zeigen, dass ich gut genug bin. Aber die Macht des Unterbewusstseins ist einfach stärker.
Was mir das gezeigt hat und dafür bin ich dankbar:
Ich bin durch all diese Erfahrungen in der Kindheit so hart und streng mit mir geworden, dass egal was ich mache, weiss oder lerne, es für diese Stimme in meinem Kopf wahrscheinlich NIE gut oder genug sein wird.
Und diese Erkenntnis zeigt mir jetzt, dass ich nicht immer auf diese Stimme hören darf.
Ich darf mir selbst, auch wenn ich zweifle, sagen, dass es genug ist. Und dass ich auch nicht immer in allem gut sein muss.
Das Leben ist hier, um es zu leben, um Fehler zu machen, um sich zu verbessern und zu lernen. Man wird nie stehen bleiben.
Und vielleicht wird dieses Gefühl immer ein Teil von mir sein. Das kann ich nun akzeptieren und trotzdem mutig sein, Dinge tun und sagen, die sich für mich richtig anfühlen.
Denn vielleicht bin ich nicht gut genug, weil ich mich immer anstrenge und alles gebe.
Vielleicht bin ich einfach gut genug.
Auch wenn ich zweifle. Auch wenn ich etwas noch nicht kann. Auch wenn jemand anderes besser darin ist oder ich einen Fehler mache.
Ich muss meinen Wert nicht daran festmachen, was mir meine eigenen Gedanken gerade erzählen.
Denn ich kann auch auf das schauen, was ich tatsächlich getan, gelernt und geschafft habe.
Mein Kopf kann mir noch hundertmal sagen: „Du weisst nicht genug.“
Das bedeutet nicht, dass es auch wirklich stimmt.
Und vielleicht muss dieses Gefühl von „nicht gut genug“ auch gar nicht verschwinden, damit ich anfangen kann, mir selbst mehr zu vertrauen.
Also macht euren Wert nicht anhand eurer eigenen Gedanken fest. Tut Dinge, sagt Dinge, probiert euch aus und schaut auch auf das, was ihr tatsächlich macht, lernt und schafft. Denn nur weil eure Gedanken euch sagen, dass ihr nicht gut genug seid, heisst das noch lange nicht, dass es auch wirklich stimmt.
XOXO Nessa
